ElektroSpicker #076
Selektivität in elektrischen Anlagen – Schutzgeräte richtig koordinieren
Selektivität in elektrischen Anlagen – Schutzgeräte richtig koordinieren
Ein Kurzschluss oder eine Überlast sollte möglichst nur den betroffenen Stromkreis außer Betrieb setzen. Sind die Schutzgeräte jedoch nicht richtig aufeinander abgestimmt, können auch übergeordnete Schutzgeräte auslösen – mit der Folge, dass größere Bereiche oder sogar die gesamte Anlage spannungslos werden.
Doch wie müssen Schutzgeräte koordiniert werden, damit sie im Fehlerfall selektiv auslösen? Welche Rolle spielen Auslösestrom, Auslösezeit und Gerätekombination? Und wie lässt sich Selektivität bereits bei der Planung zuverlässig nachweisen?
Selektivität sorgt dafür, dass im Fehlerfall nur der betroffene Stromkreis abgeschaltet wird – nicht die gesamte Anlage. Warum fällt bei einem Kurzschluss manchmal das ganze Gebäude anstelle eines gesamten Stromkreises? Ein Kurzschluss in einem Endstromkreis sollte eigentlich nur das unmittelbar vorgeschaltete Schutzgerät zum Auslösen bringen. Dennoch kommt es in der Praxis immer wieder vor, dass zusätzlich übergeordnete Schutzgeräte abschalten und dadurch größere Bereiche oder sogar die gesamte elektrische Anlage spannungslos werden. Die Folge sind unnötige Ausfälle, eine aufwendigere Fehlersuche und insbesondere in Gewerbe und Industrie vermeidbare Stillstandszeiten.
Die Ursache liegt häufig in einer fehlenden oder unzureichenden Selektivität. Ziel einer selektiven Schutzgerätekoordination ist es, dass ausschließlich das Schutzgerät abschaltet, das dem Fehlerort unmittelbar vorgeschaltet ist. Alle anderen Stromkreise bleiben weiterhin in Betrieb. So wird die Versorgungssicherheit erhöht und die Verfügbarkeit der elektrischen Anlage verbessert. Dieses Grundprinzip gilt unabhängig davon, ob es sich um ein Wohngebäude, ein Zweckgebäude oder eine industrielle Anlage handelt.
Selektivität entsteht jedoch nicht automatisch. Ein unterschiedlicher Nennstrom – beispielsweise ein B13- und ein B16-Leitungsschutz-schalter – reicht allein nicht aus. Erst das richtige Zusammenspiel der Schutzgeräte und ihrer Auslösecharakteristiken sorgt dafür, dass im Fehlerfall das passende Schutzgerät auslöst. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und welche Arten der Selektivität es gibt, zeigt dieser ElektroSpicker.
Wie entsteht Selektivität?
Selektivität ist kein Zufall. Sie entsteht durch die richtige Abstimmung der Schutzgeräte innerhalb einer elektrischen Anlage. Ziel ist es, dass bei einem Fehler nur das Schutzgerät abschaltet, das sich unmittelbar vor der Fehlerstelle befindet. Alle vorgeschalteten Schutzgeräte bleiben eingeschaltet und versorgen die übrigen Stromkreise weiterhin zuverlässig.
Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt davon ab, wie die Schutzgeräte aufeinander abgestimmt sind. Dabei spielen insbesondere die Auslösecharakteristik, die Bemessungsströme und – bei elektronischen Schutzgeräten – die eingestellten Auslösezeiten eine entscheidende Rolle. Erst wenn diese Eigenschaften sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, entsteht eine selektive Schutzgerätekoordination.
Zwei Stellschrauben führen zur Selektivität
Damit Schutzgeräte im Fehlerfall gezielt zusammenarbeiten, stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Verfügung:
- Abstimmung über den Auslösestrom: Das dem Fehlerort nächstgelegene Schutzgerät spricht bereits bei einem niedrigeren Fehlerstrom an als das vorgeschaltete Schutzgerät. Dadurch wird der Fehler lokal abgeschaltet, ohne dass weitere Anlagenteile betroffen sind.
- Abstimmung über die Auslösezeit: Reicht eine reine Stromabstimmung nicht aus, kann die Auslösung zeitlich gestaffelt werden. Das nachgeschaltete Schutzgerät löst sofort aus, während das vorgeschaltete Schutzgerät bewusst verzögert reagiert. So erhält das untergeordnete Schutzgerät genügend Zeit, den Fehler allein zu beseitigen.
Wichtig: Selektivität wird durch die richtige Kombination von Auslösestrom und Auslösezeit erreicht.
Die verschiedenen Arten der Selektivität
Je nach Fehlerart und eingesetztem Schutzgerät wird Selektivität auf unterschiedliche Weise erreicht. Dabei gilt immer das gleiche Prinzip: Im Fehlerfall soll nur der betroffene Anlagenteil abgeschaltet werden, während alle übrigen Stromkreise weiter versorgt bleiben.
Überstromselektivität
Überstrom entsteht, wenn ein Stromkreis über längere Zeit stärker belastet wird als vorgesehen – beispielsweise durch zu viele angeschlossene Verbraucher. Damit nicht mehrere Schutzgeräte gleichzeitig auslösen, müssen ihre Auslösekennlinien aufeinander abgestimmt sein. So schaltet nur das dem Fehler nächstgelegene Schutzgerät ab.
Kurzschlussselektivität
Ein Kurzschluss verursacht innerhalb kürzester Zeit hohe Fehlerströme. Auch in diesem Fall soll möglichst nur das unmittelbar vorgeschaltete Schutzgerät abschalten. Dies wird durch die Eigenschaften und die korrekte Auslegung der verwendeten Schutzgeräte und ihrer Kombination erfüllt. Hersteller geben hierfür Selektivitätsgrenzen oder Selektivitätstabellen an. Bei Leistungsschaltern kann die Kurzschlussselektivität beispielsweise durch Zeit-, Energie- oder Zonenselektivität erreicht werden.
Fehlerstromselektivität
Werden Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen (RCDs) hintereinander eingesetzt, müssen auch diese selektiv zusammenarbeiten. Durch den Einsatz zeitverzögerter selektiver RCDs wird erreicht, dass zunächst der dem Fehler nächstgelegene RCD abschaltet. Die Stromversorgung der übrigen Anlagenteile bleibt erhalten.
Merke: Für eine zuverlässige Selektivität müssen Schutzgeräte immer als aufeinander abgestimmtes System betrachtet werden.
Zeit-Strom-Diagramme, die den Überlastbereich und den Kurzschlussbereich hervorheben
Selektivität mit Leistungsschaltern
Leistungsschalter bieten besonders flexible Möglichkeiten, Schutzgeräte selektiv aufeinander abzustimmen. Je nach Gerätetyp, Schutzauslöser und Höhe des zu erwartenden Kurzschlussstroms kommen dabei unterschiedliche Verfahren zum Einsatz. Die Höhe des Kurzschlussstroms hängt wiederum von verschiedenen Rahmenbedingungen ab, beispielsweise von der Kabeldimensionierung. Elektronische Schutzauslöser ermöglichen es, Ansprechwerte und Verzögerungszeiten gezielt einzustellen. So kann das nachgeschaltete Schutzgerät einen Fehler abschalten, während der vorgeschaltete Leistungsschalter eingeschaltet bleibt.
Zeitselektivität
Bei der Zeitselektivität werden die Auslösezeiten der Leistungsschalter gestaffelt. Der nachgeschaltete Leistungsschalter löst zuerst aus. Das vorgeschaltete Gerät reagiert mit einer definierten Verzögerung und übernimmt nur, wenn der untergeordnete Schutz nicht abschaltet. Die vorgeschalteten Leistungsschalter müssen den Kurzschlussstrom während dieser Verzögerungszeit sicher führen können. Deshalb ist die Zeitselektivität insbesondere für Leistungsschalter mit ausreichender Kurzzeitstromfestigkeit geeignet.
Energieselektivität
Bei sehr hohen Kurzschlussströmen können die Geräte nicht beliebig lange verzögert werden. Strombegrenzende Leistungsschalter reduzieren die durchgelassene Energie und schalten den Fehler besonders schnell ab. Durch die abgestimmte Konstruktion der Geräte kann der nachgeschaltete Leistungsschalter auslösen, ohne dass der vorgeschaltete Schalter ebenfalls öffnet. Die erreichbaren Selektivitätsgrenzen lassen sich nicht allein aus den Kennlinien ablesen. Sie werden durch Prüfungen ermittelt und in den Koordinationstabellen des Herstellers angegeben.
Moderne ABB-Leistungsschalter der Baureihen Tmax XT und Emax 3 verfügen über elektronische Auslöser, mit denen sich Strom- und Zeitparameter gezielt einstellen lassen. Dadurch können Schutzgeräte optimal aufeinander abgestimmt werden.
Zonenselektivität
Bei der Zonenselektivität tauschen elektronische Schutzauslöser Sperrsignale miteinander aus. Erkennt ein nachgeschalteter Leistungsschalter den Fehler, signalisiert er dem vorgeschalteten Gerät, nicht sofort auszulösen. Der dem Fehler nächstgelegene Schalter öffnet ohne unnötige Verzögerung. Erhält ein vorgeschalteter Leis-tungsschalter kein Sperrsignal, schaltet er den Fehler selbst schnell ab. Dadurch verbindet die Zonenselektivität eine kurze Abschaltzeit mit einer hohen Selektivität.
Selektivität planen und nachweisen
Nachdem die Schutzgeräte ausgewählt wurden, muss überprüft werden, ob sie im Fehlerfall selektiv zusammenarbeiten. Dabei helfen Kennlinien, Selektivitäts- tabellen und Planungswerkzeuge, aber auch Onlinetools wie DOCweb und Curvesweb.
Praxischeckliste
01Schutzgeräte auswählen
Die Auswahl erfolgt entsprechend der Netzstruktur, den Bemessungsströmen und den zu erwartenden Kurzschlussströmen.
02Kennlinien vergleichen
Mit ABB Curvesweb lassen sich Zeit-Strom-Kennlinien verschiedener Schutzgeräte grafisch vergleichen und aufeinander abstimmen.
03Selektivität nachweisen
Selektivitätstabellen zeigen, bis zu welchem Kurzschlussstrom eine geprüfte Gerätekombination selektiv arbeitet. Für die Kompaktleistungsschalter Tmax XT, die offenen Leistungsschalter Emax 2 und Emax 3 und weitere ABB-Schutzgeräte stehen entsprechende Tabellen zur Verfügung.
04Einstellungen übernehmen
Elektronische Ekip-Schutzauslöser in Tmax XT und Emax 3 ermöglichen die gezielte Einstellung von Strom- und Zeitparametern, um die gewünschte Schutzgerätekoordination umzusetzen.
05Anlage dokumentieren
Mit DOCWin bzw. DOCWeb können Schutzkonzepte dokumentiert und die Auslegung kompletter Niederspannungsanlagen unterstützt werden.
Selektivität entsteht durch die richtige Auswahl, Abstimmung und Einstellung der Schutzgeräte – und durch einen nachvollziehbaren Nachweis.



